BOTSCHAFT DER RUSSISCHEN FÖDERATION IN DER REPUBLIK ÖSTERREICH
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Gastkommentar von Botschafter Dmitrij Ljubinskij in der Kronen Zeitung


Erschienen am 3.04.2020

Einander vertrauen lernen
Die ganze Welt lebt jetzt in einem außerordentlichen Zustand. Die Ausbreitung von COVID-19 stellt Politik und Wirtschaft, aber auch jeden einzelnen, vor undenkbaren Herausforderungen. Es ist eine Krise, die keine Grenzen oder Nationen kennt. Die österreichische Bundesregierung war eine der ersten, die die neue Gefahr erkannt und entsprechend entschlossene, schwierige aber auch für Zentraleuropa beispielsetzende Eindämmungsmaßnahmen getroffen hat.
In den letzten Tagen wird oft das Thema der europäischen Solidarität aufgeworfen. Für mich entstehen aber Fragen, warum sie alleine auf die EU beschränkt wird, und ob sich hier nicht die Möglichkeit eröffnet, endgültig über den Schatten des Kalten Krieges zu springen, und die gemeinsame Zukunft durch gegenseitige Annäherung zu gestalten.
Noch im Jahre 2001, zwei Wochen nach dem ungeheuren Terroranschlag 9/11, hat Russlands Präsident Wladimir Putin in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag betont: „Ich finde, dass wir alle daran schuld sind... Die Katastrophe geschah vor allem darum, weil wir es immer noch nicht geschafft haben, die Veränderungen (in der Welt) zu erkennen… Wir sprechen von einer Partnerschaft. In Wirklichkeit haben wir aber immer noch nicht gelernt, einander zu vertrauen.“
Seitdem hat sich leider zu wenig geändert. Was muss noch in der Welt passieren, damit wir den Ernst der Lage endlich begreifen und einander vertrauen lernen? Russland leistet jetzt am meisten betroffenen Ländern wie Italien oder den USA Katastrophenhilfe, ohne Bedingungen zu stellen oder Illusionen damit zu verbinden. Das mag so manchen nicht gefallen, aber es setzt ein wichtiges Zeichen: kein Land in der Welt darf in solcher Krise alleine gelassen werden.
Es wird höchste Zeit politische Spielereien, Handelskriege und willkürliche Sanktionen zu beenden, sowie grenzübergreifende „grüne Korridors“ für die Lieferungen von Nahrung, medizinischer Ausrüstung und Technologien einzuführen. In diesem Sinne rief auch UN-Generalsekretär António Guterres vor kurzem die G20-Länder zu „Solidarität, Hoffnung und politischen Willen“ auf.
In wenigen Wochen feiern wir den 75. Jahrestag des Endes des II. Weltkriegs. Dieser Anlass soll uns alle erinnern, wie Völker mit entgegengerichteten Weltauffassungen ihre Differenzen beiseitelegen konnten, um die Kräfte im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen. So etwas darf nicht vergessen werden, denn gerade jetzt erleben wir eine neue globale Herausforderung, bei der Prinzipien, wie „America first“ oder „Festung Europa“ nicht mehr gelten dürfen.
Diese Krise wird sicherlich gemeistert, aber auch die Welt verändern. Und ich kann die jüngste These meines amerikanischen Kollegen Botschafter Traina nur begrüßen - Ja, „wir sitzen alle in einem Boot“.