21 August

Was zu Westens Erinnerungskultur nicht gehört. Ein Gastbeitrag des Botschafters im "Kurier"

Nach dem Beitrag „Der Pakt der Massenmörder“, der im „Kurier“ am 17. August erschienen ist, wurde mir klar, dass trotz meiner für „Die Presse“ bereits vorbereiteten Analyse zu Lehren, die wir aus dem 2. Weltkrieg für unsere Gegenwart ziehen könnten (veröffentlicht am 19. August), es noch einige wichtige Momente gibt, die im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkrieges zu erläutern sind.
Im Grunde genommen, ist die Position der westlichen Historiker, die Sowjetunion träge die Mitschuld für den Anfang des 2. Weltkrieges, kaum neu. Dabei werden aber immer wieder sehr bedeutende Tatsachen außer Acht gelassen oder sogar komplett verdreht. Nehmen wir nur die Gemeinsame Erklärung Neville Chamberlains und Adolf Hitlers zur Entschlossenheit niemals wieder Krieg gegeneinander zu führen vom 30. September 1938 oder die zum selben Zweck dienende Deutsch-Französische Erklärung vom 6. Dezember 1938. Diese werden entweder ganz „vergessen“ oder als kluge Aktionen zur Eindämmung Hitlers eingestuft. In der Tat handelte es sich um die ernsthafte Gefahr der Gründung einer gemeinsamen antisowjetischen Front im Format „München-II“.
Ignoriert wird auch, dass der Hitler-Stalin-Pakt kaum der Anfang dieser Tragödie war. Es war gerade das berüchtigte Münchener Abkommen. Die Krone der „Appeasement-Politik“ des Westens. Nach diesem Abkommen wurden die Tschechoslowakei und ihre Bevölkerung durch die Nazis buchstäblich zerrissen, einschließlich der Juden, die damit zur Vernichtung verurteilt wurden. Die Sowjetunion trat nachhaltig auf der Seite der Tschechoslowakei auf und erkannte die widerliche Annexion des Landes durch Hitler nie an. Durch den Hitler-Stalin-Pakt im Vergleich waren aber wenigstens große Teile der Westukraine und von Belarus vom Holocaust und der „Neuordnung“ für 2 Jahre verschont. Die Gebiete, die erst 1920-1921 durch Polen okkupiert wurden. Die Einmischung der UdSSR war weder von London noch von Paris als „Aggression“ eingestuft, und es gab keine offiziellen Proteste. Die für Historiker bekannte Einschätzung von Winston Churcill oder z.B. David Lloyd George über die Ereignisse im September 1939 bestätigen diese These vollkommen.
Die wichtigste Priorität für Moskau war bereits zu dieser Zeit eine Allianz mit Paris und London, aber auch unter Einbeziehung von Polen, zur Bildung eines gemeinsamen Sicherheitssystems in Europa. Zum sowjetischen Vorschlag gehörte eine unverzügliche Militärhilfe im Fall einer direkten Aggression. Die Verhandlungen dauerten bis zur Mitte August 1939 hinein. Diese waren leider fruchtlos, weil der britischen und französischen Seite es vor allem um den Druck auf Deutschland und Minimisierung ihrer Verpflichtungen zur Hilfe der Sowjetunion ging. Die Sowjetunion sollte einen möglichen Krieg selbst führen, so war die Grundidee.
Eine äußerst negative Position Polens spielte wiederum dabei eine hervorgehobene Rolle. Die damaligen Machthaber in Warschau waren bereit mit jeder Macht eine Vereinbarung zu treffen, nur nicht mit Russland. Die Vernichtung „jedes Russlands“ war noch 1937 als Endziel des polnischen Generalstabs erklärt. In dieser Atmosphäre war die UdSSR gezwungen, diese äußerst schwierige, durch Tatsachen erzwungene Entscheidung zu treffen und den Pakt mit Deutschland einzugehen, um den Krieg auf zwei Fronten – im Westen und im Osten gegen Japan – zu vermeiden oder mindest zu verzögern.
Die Geschehnisse vor dem 1. September 1939, die zum Ausbruch des blutigsten Krieges geführt haben, dürfen nicht simplifiziert und zur Konfrontation zweier Diktatoren herabgestuft werden. Hitler entfesselte diesen Krieg. Und nur gemeinsam konnten die Nationen der Welt ihn besiegen. Diese Tatsache darf auf keinen Fall in Vergessenheit geraten, denn sie kann als Grundstein für den Aufbau unserer gegenwärtigen Beziehungen dienen.
Gerade in diesem Sinne haben Präsidenten Putin und Macron die europäische unteilbare Sicherheit besprochen.

Erschienen im "Kurier" am 21. August 2019