BOTSCHAFT DER RUSSISCHEN FÖDERATION IN DER REPUBLIK ÖSTERREICH
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Beitrag des Botschafters Dmitrij Ljubinskij für die Oberösterreichische Nachrichten

Wo die Erinnerungskultur hochlebt

Am 23. Jänner fand in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die internationale Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee statt, zu der über 40 Staatsgäste gekommen sind. Es war die größte internationale Zusammenkunft in der Geschichte Israels, an der auch die Präsidenten Russlands und Österreichs teilnahmen. Für ein Paar gut bekannte Staatsoberhäupter waren aber eigene kurzsichtige Konjunkturinteressen wohl wichtiger, als die Einladung zum Gedenken an die unzähligen Opfer des Nationalsozialismus. Das soll auf ihrem Gewissen bleiben.

Was jedoch tiefe Besorgnis erregt, ist jenes gefährliche Spiel im Versuch die Weltgeschichte auf den Kopf zu stellen, um dadurch eigene gegenwärtige Politik zu rechtfertigen. Handlanger des Naziregimes werden als nationale Freiheitskämpfer gepriesen, rechtsradikale Märsche auf staatlicher Ebene unterstützt. Die neuesten geschichtlichen „Erkenntnisse“ einiger europäischen Politiker lassen im wahrsten Sinne des Wortes die Haare zu Berge stehen: die Rote Armee könnte z.B. Auschwitz ein halbes Jahr früher erlöst haben, die Sowjets es aber „nicht gewollt“ hätten usw. Zu erwähnen ist hierbei nur, dass das sowjetische Volk allein die Befreiung Polens mit den 600 Tausend Leben bezahlt hat.
Zum Glück gibt es aber auch solche Staaten, wo die Erinnerungskultur hochlebt. Die weisen Worte von Bundespräsident Dr. Van der Bellen "wir können die Geschichte nicht ändern, wohl aber können die Lehren aus der Geschichte uns verändern" werden von ÖsterreicherInnen sehr zu Herzen genommen. Man versucht nicht die Mitverantwortung eigener Nation für die Geschehnisse vor über 75 Jahren zu verschweigen und oder kämpft nicht gegen Denkmäler. Zwischen russischen und österreichischen Historikern besteht in entsprechender bilateraler Kommission ein reger Austausch, wo auch schwierige Fragen keinesfalls ausgeklammert werden.
Am 2. Februar erinnern wir uns an den Ausbruch zu Tode verdammter sowjetischer Offiziere aus dem KZ Mauthausen. Nazi-Verbände, Soldaten und Zivilisten jagten und ermordeten dabei über 400 Menschen. Diese Geschichte unter dem zynischen Namen „Mühlviertler Hasenjagd" kennt ihre Täter und Opfer, aber auch ihre Helden wie Maria Langthaler, deren Familie einige der Flüchtlinge bei sich versteckt und das Leben gerettet hat. Dieser Tage fand in Mauthausen eine Kammergedenkaktion in Erinnerung an die Opfer dieses schrecklichen Verbrechens statt. Ein gutes Sinnbild der gemeinsamen Trauer und Versöhnung. In den kommenden Wochen werden in Europa mehrere Gedenkveranstaltungen folgen mit dem Höhenpunkt am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau. Und am 10 Mai werden wir in Mauthausen wie jedes Jahr im Rahmen einer würdigen Erinnerungszeremonie in tiefer Trauer unsere Köpfe wieder gemeinsam senken.

Erschienen in den Oberösterreichischen Nachrichten am 31. Januar 2020
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